Familie

Gemeinsam stark

Alleinerziehend und Frau – da scheint die Armut programmiert. Elvira Dostert und ihre Tochter Jamie kommen trotzdem gut über die Runden: mit gesundem Selbstbewusstsein, einem sozialen Arbeitgeber und unerschütterlicher Lebenslust.

Selina Pfruener

Elvira und Jamie Dostert Elvira Dostert und ihre Tochter Jamie sind ein eingespieltes Team. Auch ohne Mann und Vater sind sie stark.
21.02.2013
  • Von: Andreas Unger

Plötzlich war Elvira Dostert schwanger. Mit dem Vater ihres Kindes wollte sie nicht leben. Dann zogen auch noch ihre Eltern weg, die meisten Freunde hatten mit ihren eigenen Kindern genug zu tun. Kinderkrippen gab es in Leverkusen so gut wie keine. Und weil Elvira Dostert nicht zum Romantisieren neigt, sagt sie heute, 17 Jahre später: „Die drei Jahre mit Jamie im Babybunker waren echt die Hölle.“ Babybunker hieß: Windeln wechseln, Flasche geben, Füttern, Trösten, Bespaßen, Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen, eben Vollzeit fürs Kind da sein. Und Vollzeit, das hieß: 24 Stunden, sieben Tage die Woche alleine. Vorbei war die Zeit der Partys, genauso wie die Fotoshootings als Model für Warenkataloge, die sie nebenbei machte. Vorbei der Traum vom Auswandern in die USA und vom Umsatteln auf Fotografin oder Fitnesstrainerin. Und vorbei war das Arbeitsleben, jedenfalls vorerst. Trotzdem resümiert Dostert ziemlich unvermittelt und lakonisch: „Jamie ist das Beste, was mir passieren konnte.“

Statistisch gesehen dürfte es niemanden überraschen, wenn die Geschichte von Elvira und ihrer Tochter Jamie Lee die Geschichte eines Abstiegs wäre. Wenn Ausdrücke wie „Armut“, „Prekariat“ und „Arbeitslosigkeit“ darin vorkämen. „Für Alleinerziehende ist das Risiko, in Langzeitarmut zu leben, doppelt so hoch wie im Bevölkerungsschnitt“, sagt Antje Asmus vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. „Die Kinder alleinerziehender Eltern sind die größte und dauerhafteste Gruppe der in Armut lebenden Kinder.“ 2011 bezogen elf Prozent aller deutschen Privathaushalte Hartz-IV-Leistungen – bei den Haushalten Alleinerziehender waren es mit 40 Prozent fast vier Mal so viel, 617 000 Alleinerziehende, 95 Prozent von ihnen Frauen. Elvira Dostert blieb von alldem verschont. Eine harte Zeit war es trotzdem.

Selina Pfruener

Elvira und Jamie Dostert „Jamie ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Elvira Dostert über ihre mittlerweile 17-jährige Tochter.

Elvira und Jamie Dostert sitzen am Wohnzimmertisch ihrer Leverkusener Zwei-Zimmer-Wohnung, Um ihre Beine streichen zwei Katzen, während Elvira Dostert erzählt, wie sie Kind, Haushalt und Arbeit damals unter einen Hut zu bringen versucht hat. Drei Jahre blieb sie als Vollzeitmama zu Hause. Finanziell kamen sie und Tochter Jamie mit Kindergeld, Unterhalt und dem „Müttermodell“ von Bayer einigermaßen über die Runden: Zwei Jahre lang stockte das Sozialamt die Einkünfte auf 2100 Mark auf, im dritten Jahr übernahm Bayer diese Zahlungen. „Ich habe viel Second-Hand Kleidung gekauft“, sagt die alleinerziehende Mutter.

Selina Pfruener

Im Wohnzimmer von Elvira und Jamie Dostert Elvira und Jamie Dostert haben es sich in ihrer Leverkusener Zweizimmer-Wohnung gemütlich gemacht.

Ihre Stelle aufzugeben, fiel Elvira Dostert schwer. Nicht ohne Stolz erzählt sie von ihrer Karriere vor Jamie: Mit 17 fing sie bei Bayer in Leverkusen als Chemie-Jung-Werkerin an, arbeitete als Fachwerkerin in der Materialprüfung. Als sie aufsteigen wollte, sagte ihr ein älterer Vorgesetzter unter vier Augen: „Frauen haben hier karrieremäßig sowieso keine Chance.“ Solche Sprüche sind weniger geworden. „Da haben sich bei Bayer die Zeiten geändert. Auch in höheren Positionen haben Frauen heute gute Karrierechancen.“ Damals bewarb sich Elvira Dostert weg in die Analytik. Nach sieben Jahren wechselte sie in die Polymerchemie, musste aber aufgrund einer Chlorallergie das Labor verlassen und landete nach einer Station in der Verwaltung im Fotolabor. Sie war dort angekommen, wo sie immer hinwollte, und blieb, bis Jamie kam. Über sie sagt Elvira: „Sie war eher ein Unfall. Aber auch wenn sie nicht geplant war, war sie immer gewollt.“

Jamie sitzt neben ihrer Mutter im gemeinsamen Wohnzimmer und hat kein Problem damit, als „Unfall“ bezeichnet zu werden. Die beiden pflegen eine Direktheit, wie sie typisch fürs Rheinland sein mag – aber auch dort nur funktioniert, wenn man sich nahe steht. Und wenn auch die Tochter nicht auf den Mund gefallen ist: „Mama ist manchmal echt peinlich. Wenn sie im Auto an einer roten Ampel steht, macht sie das Radio an, und wehe es läuft ›Pit Bull‹ und ›David Guetta‹! Dann dreht sie voll auf und fängt an, im Sitzen zu tanzen. Alle Leute kucken doof und ich will im Erdboden versinken.“ Nervt sie das einmal zu sehr, zeigt Jamie ihrer Mutter eine Handfläche und sagt: „Sprich zu dieser Hand.“

Selina Pfruener

Im Wohnzimmer von Elvira und Jamie Dostert Die Geburt von Tochter Jamie bedeutete für Elvira Dostert einen großen Einschnitt:  Vorbei war die Zeit der Partys, genauso wie die Fotoshootings als Model für Warenkataloge, die sie nebenbei machte. Vorbei der Traum vom Auswandern in die USA und vom Umsatteln auf Fotografin oder Fitnesstrainerin.

Als Jamie drei Jahre alt war und den betriebseigenen Kindergarten besuchen konnte, kehrte Elvira Dostert zu Bayer zurück. Der Tagesablauf war stramm: Weckerklingeln um fünf Uhr, ein bisschen schmusen mit Jamie, anziehen, ab in den Kindergarten von sechs bis 16 Uhr. Nach der Schicht noch auf den Spielplatz, in die Eisdiele oder Spazieren gehen, Einkäufe erledigen, Licht aus um zehn Uhr. Und wenn Elvira Dostert mal krank war oder im Chor sang, hatten die Nachbarn ein Auge auf Jamie. Elvira Dosterts Stelle war während der Elternzeit der Digitalisierung zum Opfer gefallen. Nach Weiterbildungsseminaren und der Fürsprache des Betriebsrats fing sie nach ihrer Rückkehr in der „Grenzflächenanalytik“ an, wo sie noch heute arbeitet. Und wenn Jamie ihre Mutter mal braucht, kann diese auf das Verständnis von Kollegen und Vorgesetzten bauen: „Mir hilft das freundschaftliche Verhältnis zu meinen Kollegen dabei, das Arbeitspensum gut zu bewältigen. Wir arbeiten Hand in Hand“, sagt Elvira Dostert, die mittlerweile auch Vertrauensfrau ihrer Abteilung ist.

Über die Jahre hat die alleinerziehende Mutter festgestellt, dass sich die Haltung ihr gegenüber geändert hat: „Früher wurde man schon mal scheel angekuckt.“ Sie erinnert sich an die maliziöse Anspielung eines früheren Vorgesetzten bei einer Gehaltsverhandlung über Arbeitstage, während derer sie abwesend war. Dass das mit Jamies Kinderkrankheiten zusammenhing, war ihm offenbar egal, und auch, dass ihr jährlich 20 Fehltage fürs Kind zustehen. Als Argument gegen eine Lohnerhöhung taugte der Hinweis allemal. Und zur Einschüchterung der Mitarbeiterin: Elvira Dostert verzichtete auf die Lohnerhöhung. Und dachte sich: „Wer Kinder in die Welt setzt, wird bestraft.

Zumindest aber hat er es nicht leicht: Jeder fünfte Elternteil ist mittlerweile alleinerziehend, Tendenz steigend. 86 Prozent sind Frauen, von denen nur etwas mehr als die Hälfte (58 Prozent) von der eigenen Erwerbstätigkeit lebt (Mütter in Paarfamilien zu 52 Prozent). 31 Prozent erhalten Transferzahlungen wie Hartz IV oder Arbeitslosengeld (bei Müttern in Paarfamilien sind es 6 Prozent). Über 41 Prozent der Alleinerziehenden sind arbeitssuchend gemeldet, gegenüber knapp 9 Prozent in Familien mit Paarbeziehung. In „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“ wie 450-Euro Jobs, Teilzeitjobs, in Zeitarbeit oder auf befristeten Stellen sind 42 Prozent der alleinerziehenden Mütter beschäftigt. In Paarbeziehungen sind es 59 Prozent der Mütter, aber nur, weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten – was wiederum daran liegt, dass diese Frauen mit ihrem Erwerb die Familie nicht alleine versorgen müssen.

Selina Pfruener

Elvira und Jamie Dostert Sie gehen ihren Weg: Mútter und Tochter, Elvira und Jamie Dostert.

Dass Alleinerziehende Mütter heute dennoch besser gestellt sind als noch vor Jahren, bestätigt Roswitha Süßelbeck, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Bayer Leverkusen. „Sie profitieren unter anderem von flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeit-Ausbildungsmöglichkeiten. „ In den Betriebskindergärten des Unternehmens bekommen die Kinder Alleinerziehender eher einen Platz, und die Eröffnung einer neuen Tagesstätte mit weiteren Plätzen für Kinder unter drei Jahren ist beschlossene Sache. Zudem werden Ferienbetreuungen in den Oster-, Sommer- und Herbstferien angeboten, die Kosten dafür trägt zum Teil Bayer. Zwei Wünsche hat Roswitha Süßelbeck aber dennoch: „Bis vor einigen Jahren hat Bayer Alleinerziehende in besonderen Lebenssituationen direkt finanziell unterstützt. Ebenso gab es eine Beratung durch eine Sozialpädagogin für Alleinerziehende. Wir wünschen uns, dass das Unternehmen diese Beratung wieder aktiver anbietet.“

Im Vergleich zu den Kindertagen Jamies reagieren die Leute heute sehr viel respektvoller und anerkennender, wenn sie hören, dass Elvira Dostert ihr Kind allein großzieht und Vollzeit arbeitet. Eine Frage aber schein nach wie vor unvermeidlich: Ob Jamie nicht die Vaterfigur fehle? „Jamie hat von Anfang an gelernt, dass ihr nichts geschenkt wird“, antwortet Elvira Dostert dann. „Sie ist unbetüddelt aufgewachsen und musste sich alles erarbeiten. Das hat sie selbstbewusst gemacht.“ Außerdem gibt es da auch noch Patenonkel Uli, der Jamies Fahrradplatten flickt, ihr auf dem Übungsplatz das Autofahren beibringt und bei Bedarf erklären kann, wie Jungs so ticken. Um Jamie braucht sich niemand Sorgen zu machen.

 

„Kinder brauchen beide Eltern“

Frank Behrendt und die Initiative, für die er sich engagiert, haben eine klare Zielsetzung: „Wir vertreten nicht nur das Recht des Vaters, sondern das Recht des Kindes, mit beiden Eltern aufzuwachsen“, sagt der 47-Jährige. „Kinder brauchen beide Eltern“ heißt folgerichtig der Verein, dessen Leverkusener Kontaktstelle Behrendt ist.


In der Regel zwei Mal pro Woche treffen sich in Behrendts Haus und Garten in Langenfeld Väter, die getrennt von der Frau leben, mit der sie Kinder haben. In vielen Fällen kommen die Kinder zu den Treffen mit, um miteinander zu spielen. Behrendt selber hat zwei erwachsene Kinder aus zwei Ehen und einen fünfjährigen Sohn, der zeitweise bei ihm und seiner neuen Lebenspartnerin sowie deren Sohn wohnt. Mit seinen Kindern und deren Müttern versteht Behrendt sich „relativ gut“. Aber er kennt die Nöte getrennter Eltern.


Zum Beispiel leiden viele geschiedene Väter darunter, wenn ihre Kinder irgendwann keine Zeit mehr mit ihnen verbringen möchten. Die Gründe dafür können verschieden sein: „Manchmal ist es einfach nur eine Phase, die wieder vorbeigeht. Manchmal geraten die Kinder in einen Loyalitätskonflikt und entscheiden sich für eine Seite.“ In einigen Fällen wirke auch das Verhalten des anderen Elternteils manipulativ – absichtlich oder unabsichtlich. Da wird das Kind, während es ins Spielen versunken ist, gefragt, ob es jetzt zu Papa gehen möchte – was es nicht möchte. Aber nicht, weil es Papa nicht mag, sondern weil es weiterspielen möchte.

 

Behrendt und seine Vereins-Mitstreiter möchten dabei helfen, dass sich solche Fronten gar nicht erst bilden.

Frank Behrendt ist zu erreichen unter ks-leverkusen@kbbe.de

Er freut sich über Kontakt zu Experten zu den Themen „Wechselnde Betreuung“ und „gleichmäßig abwechselnde Beherbergung“. Wer eine Kontaktstelle des Vereins „Kinder brauchen beide Eltern“ sucht, findet auf der Internetseite des Vereins mehr (siehe unten: Weitere Informationen).  

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